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Forschung, Veranstaltungen, Publikationen

Seminarreihe des Arbeitsbereichs Ökonomie am IOS

Zeit: Dienstag, 13.30–15.00 Uhr
Ort: Leibniz-Institut für Ost-und Südosteuropaforschung (IOS), Landshuter Str. 4 (Raum 109); vorerst online via Zoom, link wird mit den Einladungen verschickt!
Programm

Forschungslabor: „Geschichte und Sozialanthropologie Südost‐ und Osteuropas“

Zeit: Donnerstag, 14–16 Uhr (Lehrstuhl) oder 16–18 Uhr (Graduiertenschule und Leibniz-WissenschaftsCampus)
Ort: WiOS, Landshuter Str. 4 (Raum 017)
Programm

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Leibniz

Kriegserfahrungen bayerischer Soldaten an der Ostfront des Ersten Weltkrieges 1915–1918

Projektleiter: Guido Hausmann
Projektbearbeiter: Jeremias Schmidt
Laufzeit der Förderung: 2017–2020
Gefördert durch: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)  

Das Jubiläum des Kriegsausbruchs im Jahr 2014 hat zwar das Interesse der westlichen und besonders der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft am Ersten Weltkrieg erhöht, aber bisher zu keiner wesentlich stärkeren Einbeziehung der Ostfront in der allgemeinen Literatur geführt. Eine umfassende Gesamtdarstellung der Kriegserfahrung deutscher Soldaten an der Ostfront steht bis heute aus. Das Forschungsvorhaben möchte diese zentrale Forschungslücke schließen und in einer Pionierstudie mit exemplarischem Charakter die Erfahrungen der bayerischen Kriegsteilnehmer an der Ostfront in den Jahren 1915–1918 untersuchen.

Es wird erstmals versucht, die umfangreiche Sammlung von Selbstzeugnissen des Bayerischen Kriegsarchives systematisch in Bezug auf die Ostfront auszuwerten. Der Großteil des Bestandes ist bisher von der Forschung unbeachtet geblieben. Dieser Missstand dürfte am ehesten der spärlichen Verzeichnung in den Findbüchern des Archives geschuldet sein, welche nur in den seltensten Fällen direkt auf die Ostfront verweisen.

Es werden folgende grundlegende Forschungsfragen gestellt:

  • Kann in Anbetracht der Heterogenität des Kriegsschauplatzes in Ost- und Südosteuropas überhaupt von „der Ostfronterfahrung“ gesprochen werden? In welchem Maße bedingten Einsatzjahr und Einsatzort die Kriegserfahrungen der Soldaten? Dies betrifft unter anderem Faktoren wie die Wirkung moderner Artillerie, die Unterschiede zwischen Stellungs- und Bewegungskrieg oder den Einsatz tödlicher Gewalt mit Handfeuerwaffen.
  • Tobte in Osteuropa ein „entgrenzter Krieg“ (O. Janz: 14. Der Große Krieg, S. 103), in welchem die Unterschiede zwischen Soldaten und Zivilisten zunehmend in den Hintergrund rückten? Dabei sei auch auf Michael Geyers Aufsatz zur Gewalt und Gewalterfahrung im Ersten Weltkrieg verwiesen, welcher von einem „wilden Krieg“ sprach, welcher von ethnischen Konflikten, Entvölkerung und weitreichender Verwüstung gekennzeichnet war. Neben der Zivilbevölkerung wären dabei auch Soldaten aller kriegsführenden Parteien Opfer dieser zügellosen Gewalteskalation geworden.
  • Wie sahen die Soldaten die Bevölkerung Osteuropas? Traf es tatsächlich zu, dass die „Osteuropäer“ in den Augen der „deutschen Soldaten“, zu denen nun einmal auch die Bayern gehörten, allesamt „Barbaren“ waren? War „der Osten“ per se in der Wahrnehmung der Kriegsteilnehmer eine „vormoderne Welt“ oder greift das bisher in der Forschung gängige Bild doch zu kurz? In diesem Zusammenhang gilt es, den soziokulturellen Hintergrund der Soldaten genauer zu beleuchten. Das umfangreiche Quellenmaterial des bayerischen Kriegs­archives ermöglicht es, Soldaten aller Ränge und sozialer Schichten zu berück­sichtigten. Selbst die Unterschiede zwischen Soldaten aus den katholischen Regionen Altbayerns und den protestantischen neubayerischen Gebieten können beleuchtet werden. Damit einhergehend steht auch die Frage nach Vorprägungen, Vorwissen und auch Vorurteilen, welche die Erfahrung der Soldaten beeinflusste.
  • Welchen Einfluss hatte der Ausbruch der russischen Februar- und Oktober­revolution auf die Moral der bayerischen Truppen an der Ostfront? Obgleich von der modernen Forschung bisher weitestgehend unbeachtet, legt eine Vielzahl von Aussagen bayerischer Soldaten den Schluss nahe, dass im Frühjahr 1917 die Kampfmoral der Truppe an einigen Abschnitten der Ostfront nahezu komplett zusammenbrach. Bestätigt wird diese Vermutung unter anderem auch durch drastische Berichte und Befehle, welche sich in den Akten der jeweiligen Divisionen fanden. Eine umfangreiche Untersuchung dieses Phänomens birgt durchaus Potential, der Geschichte des Jahres 1917 eine neue Facette hinzuzufügen.

 

Projektbezogene Publikationen

Jeremias Schmidt: Changing fortunes: The frontline-experience of the Royal Bavarian Army on the Eastern Front 1915–1918. In: Elka Agoston-Nikolova a.o. (eds.): Unknown Fronts. The “Eastern Turn” in First World War History. Groningen 2017, 127–146.