IOS-NEWSLETTER 
Forschung, Veranstaltungen, Publikationen

Seminarreihe des Arbeitsbereichs Ökonomie am IOS

Zeit: Dienstag, 13.30–15.00 Uhr
Ort: Leibniz-Institut für Ost-und Südosteuropaforschung (IOS), Landshuter Str. 4 (Raum 109)
Programm Herbst / Winter 2018/2019

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Transformation industrieller Lebenswelten und die Erinnerung an Arbeit an der oberen Adria

Diese Projektgruppe umfasst zwei Vorhaben, die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen seiner Mobilitätsprogramme (PPP) mit Slowenien und Kroatien gefördert werden. Beide laufen zwei Jahre (2018–2019) und werden mit engen Kooperationspartnern des IOS durchgeführt. Am IOS werden beide Projekte von Ulf Brunnbauer geleitet. Die zwei Projekte sind:

(Dis-)Entangling people, landscape and fish: Consequences of Deindustrialization of the Eastern Adriatic Coast on the Example of the Canned Fish Industry

Kooperationspartner: Scientific Research Centre of the Slovenian Academy of Sciences, Ljubljana, Slowenien
Projektleitung in Ljubljana: Prof. Dr. Tanja Petrović
Gefördert vom DAAD und dem Slowenischen Wissenschaftsministerium

Fischdosen stellen ein überall erhältliches, günstiges, zumal gesundes und beiläufig konsumiertes Nahrungsmittel dar. Über ihre Produktion und deren Geschichte wissen wir aber nicht Bescheid, obwohl sie interessante Einsichten über globale und lokale Arbeitsprozesse sowie Veränderungen in der Mensch-Umwelt-Beziehung bereithalten. Fabriken zur Herstellung von Fischkonserven waren in maritimen Regionen oftmals die ersten industriellen Arbeitgeber, insbesondere für Frauen. Dadurch veränderten sie Familiensysteme ebenso wie Migrationsmuster. In den letzten Jahrzehnten repräsentiert diese kaum beachtete Industrie wie wenige andere die ökonomische Globalisierung, da Fischkonserven leicht und kostengünstig in alle Welt transportiert werden können. John Steinbeck könnte heute seinen Roman „Cannary Row“ (dt. „Die Straße der Ölsardinen“) nicht mehr schreiben, zumindest würde die Handlung nicht mehr in den USA stattfinden, denn dort schloss 2010 die letzte Sardinendosenfabrik. Dafür boomt die Produktion in Südostasien.

Sardinendosen-Produktpalette der Fischkonservenfabrik Mirna in Rovinj (© Mirna d.o.o., Rovinj)

Sardinendosen-Produktpalette der Fischkonservenfabrik Mirna in Rovinj (© Mirna d.o.o., Rovinj)

Unser Projekt wird sich Geschichte und Gegenwart der Fischkonservenindustrie an der slowenischen und kroatischen Küste widmen und dabei historische und ethnologische Methoden anwenden. Es geht nicht nur um die Rekonstruktion der Geschichte einzelner Fabriken (wie Mirna in Rovinj), die bis heute niemals beforscht wurden, sondern auch um Erinnerungen an die Arbeit in diesen Betrieben sowie populäre Haltungen und Repräsentationen heute. Ziel ist, zum einen die lokalen Dimensionen der globalen Verschiebungen von Produktionsketten und Konsummustern zu untersuchen; zum anderen fragen wir danach, was diese Veränderungen für die Mensch-Umwelt-Interaktion bedeuten, denn Fischkonserven sind scheinbar eng mit der Umwelt, d. h. dem Meer, verbunden; insofern können sie z. B. mit Überfischung und generell mit Fragen des Umweltschutzes in Verbindung gebracht werden. Andererseits lässt sich beobachten, dass Konservenfabriken weit ins Hinterland verlagert werden (z. B. ins serbische Niš), da es dort noch billige Arbeitskraft gibt, während an den Küsten die Tourismusindustrie die v. a. weiblichen Arbeitskräfte beschäftig. Es geht also auch um lokale Prozesse der De-Industrialisierung.

Projektteam:
Regensburg: Ulf Brunbauer, Heike Karge, Sabine Rutar, Peter Wegenschimmel 
Ljubljana: Iva Kosmos, Tanja Petrović, Martin Pogačar, Nataša Rogelja

 

Remembering and Forgetting Industrial Labour in the Adriatic: The Case of Istria

Kooperationspartner: Juraj Dobrila Universität Pula, Kroatien
Projektleitung in Pula: Prof. Dr. Igor Duda
Gefördert vom DAAD und dem Wissenschaftsministerium der Republik Kroatien

Istrien erweckt üblicherweise Assoziationen, die mit Sonne und Meer, Oliven und Meeresfrüchten zu tun haben – und nicht mit Industrie. Doch war Istrien auch eine Industrieregion, und noch immer stellen Industriebetriebe wie die großen Werften in Pula und Rijeka, die Tabakfabrik in Rovinj und die Zementfabrik in Pula wichtige Arbeitgeber dar. In der öffentlichen Repräsentation scheint aber kaum ein Platz für industrielle Arbeit, auch nicht in der Erinnerungskultur. Und das obwohl Industrie einst als das Signum der Moderne galt, insbesondere während des Staatssozialismus, als sich die regierende Partei der Industrialisierung verschrieben hatte. Aber auch schon während der Zwischenkriegszeit, als Istrien Teil Italiens war, war Industrie eng mit Vorstellungen von Modernität verbunden – in einer spezifisch faschistischen Lesart, wie sie zum Beispiel in der Musterbergarbeiterstadt Raša heute noch zu beobachten ist. Und noch weiter zurückgehend, in die Periode der österreichischen Herrschaft bis 1918, lässt sich ebenfalls ein Zusammenhang zwischen Industrie und Visionen einer modernen Zukunft konstatieren; nicht zuletzt haben die oben genannten Fabriken, die heute noch produzieren, ihre Wurzeln in der Habsburgerzeit. Schon diese Kontinuität von Betrieben in einer Region mit extremer Diskontinuität verdient Aufmerksamkeit.

Auftakttreffen in Pula, 29.3.2018

Auftakttreffen in Pula, 29.3.2018

In unserem Projekt gehen wir einerseits der Frage nach, wie auf der Ebene des Alltags industrielle Arbeit erinnert wird. Dabei stützen wir uns v. a. auf Oral history und ethnographische Methoden in (ehemaligen) Industriemilieus wie Pula, Rovinj, Labin, aber auch kleineren Orten, in denen es einst Industrie gab, etwa Fažana. Von besonderem Interesse ist dabei die Analyse der Beziehung zwischen industrieller Arbeit und der Beschäftigung im Tourismus, die vielerorts erstere an Bedeutung überholt hat. Unsere Ausgangsthese ist, dass auch heute noch Industriearbeit mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft, auf eine stabile und sichere Beschäftigung assoziiert wird und dass daher die Erinnerung an industrielle Arbeit ein Fundament der weitverbreiteten nostalgischen Erinnerungen an den Sozialismus ist. Andererseits werden wir öffentliche Repräsentationen (bzw. Nichtrepräsentationen) industrieller Arbeit untersuchen, etwa in Museen und Tageszeitungen. Kann es sein, dass die heute so prominenten Gefühle der Entfremdung und des Alleingelassenwerdens – angesichts massiven gesellschaftlichen Wandels – auch in Istrien mit der Tatsache zusammenhängen, dass Menschen ihre eigenen Erinnerungen nicht öffentlich widergespiegelt, ja regelrecht konterkariert sehen?

Das Projekt umfasst neben erfahrenen Forschern auch Nachwuchswissenschaftler (Doktoranden) sowie MA-Studierende; es hat also auch eine starke Nachwuchskomponente.

Projektteam:
Regensburg: Fatima Ajanović, Ulf Brunbauer, Andy Hodges, Maja Lisov, Agnes Stelzer, Peter Wegenschimmel
Pula: Igor Duda, Boris Karman, Andrea Matošević, Igor Stanić, David Zufić