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Forschung, Veranstaltungen, Publikationen

Doppeltagung (Regensburg, Marburg):

Bilder und Sprachen von Not, Gewalt und Mobilisierung. Das östliche Europa nach 1918 in medialen Repräsentationen

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1. Tagung: Der Nachkrieg
IOS Regensburg 12.–13. April 2018

Eine ausführliche Beschreibung der Tagung und des CfP finden Sie hier.

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Dritter Forschungsschwerpunkt

Formen und Beziehungen von Arbeit im Wandel

Für das Verständnis einer Gesellschaft insgesamt, aber auch der subjektiven Lebensqualität der Menschen ist die Frage, wie Arbeit organisiert und praktiziert wird, von hervorragender Bedeutung. Arbeit ist ein zentraler Faktor der gesellschaftlichen Reproduktion, weshalb ihre Erforschung wesentliche Rückschlüsse auf weitergehende Aspekte des gesellschaftlichen Wandels erlaubt. Zugleich steht dieses Thema regelmäßig im Fokus politischer Umgestaltungsversuche und entsprechender ideologischer Visionen.

Die auch über Arbeit vermittelten Strukturen und Praktiken sozialer Ungleichheit sind sowohl Folge als auch Determinante der politischen Umgestaltung; sie wirken mannigfaltig auf die Stabilität politischer und ökonomischer Institutionen zurück. Aufgrund ihrer staatssozialistischen Vergangenheit bietet die Region dabei die Möglichkeit, spezifische Muster der Ausgestaltung von Arbeitsbeziehungen und Wohlfahrtsstaat in komparativer Perspektive zu untersuchen. Die postsozialistische Situation wiederum stellt quasi ein „natürliches Experiment“ für die Untersuchung der Folgen der raschen Einführung marktwirtschaftlicher Beziehungen sowie einer kapitalistischen Eigentumsordnung auf Arbeitsbeziehungen dar. Für beide Perioden generieren zeitlich und örtlich unterschiedliche Ausprägungen von Arbeit ein besonderes Erkenntnispotenzial der Untersuchungsregion.

Arbeit ist ein höchst geeignetes Prisma zur Untersuchung der Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Strukturen, politischen Interventionen, individuellen Lebensläufen und kollektiven Sinngebungen. Sie bildet ein soziales Feld, in dem auf der jeweiligen moralischen Ökonomie basierende individuelle und kollektive Praktiken der Anpassung an bzw. Aneignung von vorgefundenen Strukturen besonders deutlich hervortreten. Ein zentrales Thema dieses Schwerpunktes ist daher der Vergleich zwischen Arbeitspraktiken und normativen Zuschreibungen an Arbeit in unterschiedlichen politischen Systemen: Was gilt als Arbeit – und was nicht? Wo wird die Grenze zwischen Freiheit und Zwang, zwischen Formalität und Informalität gezogen? Ein anderes Thema ist die Analyse von Arbeitsmärkten und Sozialmodellen. Eine weitere zentrale Fragestellung betrifft die Rolle von Arbeit für individuelle Lebenszufriedenheit.

 

Praktiken und Institutionen der Arbeit

Ein zentraler Fragekomplex des Schwerpunktes beschäftigt sich mit konkreten Arbeitspraktiken vor dem Hintergrund historisch spezifischer politischer und gesellschaftlicher Ordnungssysteme. Dabei wird insbesondere die Perspektive der Arbeitenden in den Blick genommen, um die Potenzialitäten von Arbeit sowohl als Quelle von Autonomie und Subjektivität als auch als Ort der Entfremdung und Ausbeutung zu erschließen. Fokussiert werden dabei in komparativer Perspektive wichtige Transformationsperioden (Projekte: „Arbeitsbeziehungen, Sozialprotest und Gewalt in den Werft- und Hafenarbeitermilieus diesseits und jenseits der italienisch-jugoslawischen Grenze im Kalten Krieg“; „Realsozialistische Industriearbeiterkulturen am Balkan: die Stahlwerke von Elbasan und Kremikovci als Schauplatz kommunistischer Vergesellschaftung“, „Transformations from Below: Shipyards and Labour Relations in the Uljanik (Croatia) and Gdynia (Poland) Shipyards since the 1980s”).

Praktiken der Arbeit können nicht verstanden werden ohne Untersuchung ihrer institutionellen Kontexte; dabei steht insbesondere Frage nach den Entwicklungsmustern von Arbeitsmärkten und Sozialpolitiken im Vordergrund (Projekte: „Ausprägungen von Staatlichkeit im Staatssozialismus“, „Sozialmodelle im internationalen Vergleich: Wo stehen die neuen EU-Mitgliedstaaten?“; „IOS-Datenbank zu Wirtschafts- und Sozialmodellen"; Ungleichheit und Lohndifferentiale zwischen Ost- und Westdeutschland“).

Ein weiteres Thema in diesem Zusammenhang sind die Neudefinition der Beziehungen zwischen Staat und den wirtschaftlichen Organisationen im Postsozialismus, wobei insbesondere (vermeintliche) Paradoxien wie die Kontinuität weicher Budgetbeschränkungen und staatlicher Lenkung industrieller Großbetriebe untersucht werden (Projekt „Staatlichkeit und Industrie im post-sozialistischen Europa: Der Einfluss der staatlichen Hand auf die Organisationsgeschichte zweier Werften in Transformation“).

 

Arbeit als Ort sozialer Inklusion und Exklusion

Für die sozialen aber auch kulturellen Wirkungen von Arbeit ist ihre Eigenschaft zentral, sozialer Ort von Inklusions- und Exklusionspraktiken und damit zusammenhängender Sinngebungen zu sein. Hier geht es um die grundlegende Frage nach der Bedeutung von Arbeit für das individuelle Wohlbefinden und ihren Platz – auch relativ zu anderen Dimensionen – in Vorstellungen vom „guten Leben“. Welche Faktoren beeinflussen die Selbstwahrnehmung der durch Arbeit bestimmten Lebensqualität, welchen Beitrag leistet Arbeit zum gefühlten (Un-)Glück von Individuen und sozialen Gruppen? (Projekt: „Was macht Frauen in Russland (un-)glücklich?“). Darüber hinaus fragen Projekte des IOS nach marginalisierten Formen der Arbeit und ihrer Trägergruppen sowie nach dem Zusammenhang von Arbeit und (Un-)Freiheit. Dabei werden die Perspektiven der Arbeitenden ebenso beleuchtet wie die Bedeutung der institutionellen Kontexte für konkrete Arbeitspraktiken und die darauf aufbauenden Sinngebungen (Projekte: „Am Rande der Arbeit. Prostituierte, Vagabunden und Arbeitslose in Jugoslawien, 1918–1941“; „Arbeit und Überleben in Jugoslawien. Regionale Bergbaugesellschaften unter NS-Besatzung, 1941–1944/45“).
Darüber hinaus wird Arbeit in Bezug auf andere soziale Praktiken bei der Analyse von Vorstellungen des "guten Lebens" gesetzt ( Individualising Socialism. Individual Agency and Social Change in Socialist Yugoslavia's Periphery, 1950s-1970s — INDSOC).