IOS-NEWSLETTER 
Forschung, Veranstaltungen, Publikationen

Europa und wir

Vortragsreihe „Offene Hochschule“.

Veranstalter: Volkshochschule der Stadt Regensburg in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und der Universität Regensburg
Datum: Oktober 2017 bis Februar 2018
Zeit: Jeweils um 19.30 Uhr
Ort: in der Lesehalle der Stadtbücherei, Haidplatz 8, 93047 Regensburg
Flyer
Plakat

Seminarreihe des Arbeitsbereichs Ökonomie am IOS

Zeit: Dienstag, 13.30–15.00 Uhr
Ort: Leibniz-Institut für Ost-und Südosteuropaforschung (IOS), Landshuter Str. 4 (Raum 109)
Programm Wintersemester 2017/18

Forschungskolloquium: „Geschichte und Sozialanthropologie Südost‐ und Osteuropas“

Zeit: Donnerstag, 14–16 Uhr
Ort: Leibniz-Institut für Ost-und Südosteuropaforschung (IOS), Landshuter Str. 4 (Raum 017)
Programm Wintersemester 2017 / 2018

Summer Academy 2018. Firm Behavior in Central and Eastern Europe: Productivity, Innovation and Trade

10th Joint IOS/APB/EACES Summer Academy on Central and Eastern Europe. Organized by the Leibniz-Institute for East and Southeast European Studies (IOS Regensburg) in cooperation with the Akademie für Politische Bildung Tutzing (APB) and the European Association for Comparative Economic Studies (EACES). 
Dates: June 11-13, 2018 
Location: Akademie für Politische Bildung Tutzing on Lake Starnberg near Munich
Call for papers  
Submission deadline: March 18, 2018

Social Policy in East and Southeast Europe in Past and Present. Demographic Challenges and Patterns of Inclusion and Exclusion

6 IOS Annual Conference 2018.
Dates: 21 June – 23 June 2018
Location: IOS Regensburg, Landshuter Str. 4

Call for Participants
The application deadline is January 19, 2018

Freie Stellen Text
Gastwiss. Programm Text
Leibniz

Die Ära Hans Koch

OEI Scheinerstraße
Rückansicht des Osteuropa-Instituts München
in der Scheinerstr. 11 (Institutsgebäude von
1959 bis 2007)

Das Osteuropa-Institut nahm am 1. Februar 1952 als außeruniversitäre Einrichtung, mit gemeinsamer Finanzierung durch den Freistaat Bayern und den Bund, in München seine Tätigkeit auf. Es verstand sich in recht unkritischer Weise als Erbe des gleichnamigen Breslauer Instituts. Der erste Direktor, Hans Koch (1884–1959), hatte die Breslauer Einrichtung von 1937 bis 1940 geführt. Der protestantische, aus Lemberg gebürtige Theologe und Ostkirchenhistoriker Koch war nicht unumstrit­ten. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er als herausragender Ukrainekenner wichtige, manchmal auch heikle Aufträge ausgeführt. Die Schwerpunkte, die er nun am Osteuropa-Institut setzte, entsprachen den Bedürfnissen der Zeit: Eingehend auf den weit verbreiteten Durst nach Informationen und weltanschaulicher Orien­tierung über die neue Lage im politisch und ideologisch geteilten Europa, verwandte er einen großen Teil seiner Zeit auf Vorträge über aktuelle Fragen. Die Forschungstätigkeit des Instituts diente dem Aufbau einer gesicherten Informationsbasis und zugleich der intellektuellen Auseinander­set­zung mit dem Sowjetmarxismus. Zu nen­nen sind besonders Nachschlagewerke wie das „Sowjetbuch“ (1957) und das Lexikon „5000 Sowjetköpfe“ (1959). Zum Höhepunkt von Hans Kochs Tätigkeit wur­de 1955 die Teilnahme als Berater an Konrad Adenauers Moskaureise. Aber auch die als führendes Fachorgan insbesondere zur Geschichte Russlands etablierten „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas“ wurden nach ihren Vorläufern in Breslau 1952 am Osteuropa-Institut neu begründet.

Als Standort für das Osteuropa-Institut war zunächst Kloster Prüfening bei Regensburg im Gespräch gewesen. Da es damals in Regensburg aber noch keine Universität und auch keine andere wissenschaftliche Infrastruktur gab, entschied man sich rasch für München, das in den ersten Nachkriegsjahren zu einem Sammelplatz hochqualifizierter Osteuropaspezialisten geworden war und wo in der Folgezeit zahlreiche Institutionen entstanden, deren Aufgabe die Erforschung, aber auch die ideologische und propagandistische Bekämpfung der kommunistischen Welt war.

 

Vermehrte Ausrichtung auf sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Forschung

Im Übergang zu den Sechzigerjahren mehrte sich die Kritik an der „politischen“ Ausrichtung von Teilen der deutschen Osteuropaforschung, darunter auch des Osteuropa-Instituts. Die Sozialwissenschaften drängten allgemein in den Vordergrund, und es wurde eine engere Zusammenarbeit der Münchner Osteuropainstitutionen mit der Universität und untereinander gefordert; schon 1965 verlangte der Wissenschaftsrat sogar deren Zusammenschluss. Nach einem kurzen Zwischenspiel des Münchner Historikers Georg Stadtmüller übernahm deshalb 1963 der Inhaber des neugeschaffenen Lehrstuhls für Wirtschaft und Gesellschaft Osteuropas, Hans Raupach, die Leitung des Instituts. Er begann sofort mit dem Aufbau der sozialökonomischen Abteilung, deren Gründung schon 1961 be­schlossen worden war. Dafür erhielt das Institut 1964 eine Ökonomenstelle und 1966 noch eine Stelle für eine Soziologin bewilligt. Beide Stellen wurden mit jungen Leuten besetzt, die noch nicht promoviert waren, und die außerdem sofort mit viel Redaktionsarbeit überhäuft wurden. Daher kam die neue Forschungsabteilung anfangs nur mühsam voran. 1969 promovierte der Ökonom Heinrich Vogel und wurde daraufhin ständiger Stellvertreter des Direktors. Die Erfolge ließen nicht auf sich warten. Zusammen mit der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität München konnte das Institut das zweijährige Aufbaustudium Osteuropa-Wirt­schaft ins Leben rufen, für das die Stiftung Volkswagenwerk von 1964 bis 1970 eine „Anschubfinanzierung“ gewährte, die allerdings nie verstetigt wurde. Das von 1970 bis 1976 laufende DFG-Projekt „Einflussfaktoren im Wachstumsprozess der UdSSR unter den ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen der sowjetischen Industriegesellschaft“ setzte sich deutlich von der vorherrschenden „Ost­for­schung“ ab, indem es sich den allgemein anerkannten empirisch-statistischen Methoden der Sozialwissenschaft verpflichtet fühlte. Die Arbeit kulminierte in einem statistisch geschätzten makroökonomischen Modell der Sowjetwirtschaft, welches das erste seiner Art war. Diese Forschungen brachten dem Institut weitere befristete Forscherstellen und weltweite Anerkennung. Als sichtbarer Ausdruck von Anspruch und Erfolg der noch jungen wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung kann die 1970 erfolgte Gründung der Fachzeitschrift „Jahrbuch der Wirtschaft Osteuropas“ gelten.

1976 ging Hans Raupach in den Ruhestand und Heinrich Vogel wurde ein Jahr später zum Direktor des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln. Unter dem neuen Führungsduo Günter Hedtkamp und Hermann Clement als seinem Stellvertreter erlebte das Institut eine lange Phase der Konsolidierung und des Ausbaus. Es gelang regelmäßig, beim Bundeswirtschaftsministerium ausreichend Forschungs- und Gutachtenaufträge einzuwerben. Einer der großen weiteren Erfolge war 1984 die Bewilligung des zusammen mit amerikanischen Partnern bei der Volkswagenstiftung beantragten Projektes „Deutsche in der Sowjetunion“, das der bald aufblühenden Forschung zu den Russlanddeutschen den Weg bahnte, und zahlreiche Anschlussprojekte fand, die außer von der Volkswagenstiftung teilweise auch vom Bundesinnenministerium finanziert wurden.

Die Leitung der kleinen Historischen Abteilung ging 1976 von Georg Stadtmüller an dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas, Edgar Hösch, über. Dieser persönlich außerordentlich bescheidene Gelehrte verstand es sehr effizient, Drittmittel einzuwerben und seine Mitarbeiter zu motivieren. Zusätzlich zu dem noch von Georg Stadtmüller mit Erfolg bei der DFG beantragten Forschungsprojekt „Das Russlandbild in der deutschen Parteipresse 1859–1870“ rief er den Forschungsschwerpunkt „Zwischen Demokratie und Volksdemokratie“ ins Leben, der den Zielen und der Politik der Verlierer in den Machtkämpfen der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre gewidmet war. In diesem Rahmen wurden in den Achtzigerjahren mehrere Projekte zu Polen und Finnland erfolgreich zum Abschluss gebracht.

Bereits um die Wende zu den Neunzigerjahren erkannte Hösch die großen Möglichkeiten elektronischer Medien und später des Internets für die Weiterentwicklung der zentralen fachlichen Informations- und Dienstleistungsaktivitäten des Instituts. Hösch betrieb die Digitalisierung der umfangreichen Personenkartei Erik Amburgers zu Ausländern im vorrevolutionären Russland, die am Osteuropa-Institut mit Drittmittelfinanzierung im Jahr 2000 erfolgreich zum Abschluss kam. Im selben Jahr ergriff Hösch die Chance eines neuen Förderschwerpunkts der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um Mittel für den Aufbau der „Virtuellen Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst)“ einzuwerben. In deren Rahmen konnten die verschiedenen bibliographischen und Informationsdienstleistungen des Instituts für die deutsche und die internationale Osteuropaforschung mit aktueller Datenbanktechnik ins Internet übertragen werden. Das Nachfolgeprojekt OstDok mit dem Ziel der Förderung des elektronischen Publizierens läuft auch heute noch.

 

Seit der Wende von 1989/1991

Der Umbruch von 1989 brachte zunächst neue Nachfrage insbesondere nach den Leistungen der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung. So war in der Zeit der Transformation vor allem praktische Politikberatung zu leisten. In den wichtigen Jahren der Umgestaltung haben Mitglieder des Osteuropa-Instituts hier einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Geschehen genommen. Aufgrund ihrer Sprachkompetenz, der profunden Länderkenntnis und der Beschäftigung mit den Schwächen des sozialistischen Systems waren sie besonders gut in der Lage, gezielt ihr Fachwissen einzusetzen. Wissenschaftler des Osteuropa-Instituts waren als Berater in Polen, Tschechien, Russland und insbesondere in der Ukraine tätig, aber ebenso auch für verschiedene Balkanstaaten. Oft genug hatten sie Zugang zur ersten Riege der Entscheidungsträger. In dieser Zeit sind viele Kontakte neu entstanden und alte neu belebt worden. Das IOS kann daher auch heute noch auf ein weitgespanntes Netzwerk zurückgreifen, das für die zukünftige Arbeit eine wichtige Grundlage bildet. Das mit dem Aufgehen des Eisernen Vorhangs auch international wieder erwachte Interesse an Wirtschaftssystemen und deren Veränderungen wurde schon 1991 zum Anlass genommen, das „Jahrbuch der Wirtschaft Osteuropas“ zu ersetzen durch die englischsprachige Fachzeitschrift „Economic Systems“, die als renommierte internationale Fachzeitschrift mittlerweile im Elsevier-Verlag erscheint und auch weiterhin am IOS herausgegeben wird.

Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts markierten in zweifacher Hinsicht einen weiteren Wendepunkt. Die Osterweiterung der Europäischen Union im Mai 2004 beeinflusste das Themenspektrum der Arbeit, in der nun Konvergenzen und Divergenzen der Entwicklungspfade in den Mittelpunkt rückten. Damit verbunden waren neue Themenfelder, wie die Übertragung technischen Wissens, die Verstärkung und Veränderung der Handelsströme zwischen Ost und West, Migration, die fiskalische Neuordnung im Zusammenhang mit der makroökonomischen Stabilisierung und dem Umbau der Sozialsysteme in den Transformationsländern sowie die Frage der Ausweitung der Eurozone, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus wurde der Fokus ausgeweitet auf die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, so dass sich das OEI nunmehr auch verstärkt mit dem in vielerlei Hinsicht sehr spannenden und von der deutschen Wissenschaft kaum bearbeiteten zentralasiatischen Raum beschäftigte.

Zum Zweiten fiel in diese Zeit die Streichung der quasi-institutionellen Förderung des OEI durch periodische Auftragsgutachten für Ministerien des Bundes. Als Reaktion darauf wurde – auch im Wege von Neueinstellungen – versucht, den zuvor aufgabenbedingt dominierenden deskriptiven Stil der Arbeiten durch methodisch anspruchsvollere Ansätze zu ersetzen, und die Qualität der Forschung zu stärken. Dieser Wandel fiel – abermals – in die Zeit eines Generationenwechsels an der Spitze des Instituts: Von 2001 bis 2005 leitete Lutz Hoffmann das Institut; ihm folgte Joachim Möller und im Oktober 2007 Jürgen Jerger; alle drei waren bereits bzw. sind Professoren an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Regensburg. Die stärkere Nähe zur universitären Forschungslandschaft wurde auch durch neue Formate wie die jährlich stattfindende Sommerakademie und nicht zuletzt durch die gemeinsam mit der Universität Regensburg erfolgte Berufung des stellvertretenden Direktors des Osteuropa-Instituts, Richard Frensch, gesucht und gefunden.

Aber auch die kleinere Historische Abteilung hat sich seit 1989 den Herausforderungen der Wende, der Transformation und der Globalisierung erfolgreich gestellt und verstärkt Archiv- und Literaturrecherchen vor Ort betrieben, die lange Jahre vorher so nicht möglich waren. Das Osteuropa-Institut wurde so zu einem der wenigen Plätze im deutschen Sprachraum, an denen ein Schwerpunkt der Forschung auf der Geschichte der Ukraine liegt.